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»Frei­heit!« – Er­öff­nungs­kon­zert

Sinfoniekonzert: Otto Tolonen (Gitarre) und das MHL-Sinfonieorchester mit Werken von Beethoven (Leonoren-Ouvertüre Nr. 3), Proske (»Ziehen«, UA), Rodrigo (Concierto de Aranjuez) und Brahms (Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90), Catherine Larsen-Maguire (Leitung).

Blick auf das MHL-Sinfonieorchester bei der Eröffnung des Brahms-Festivals im Großen Sall der MHL

Interview mit Gastdirigentin Cathrine Larsen-Maguire und Gitarrensolist Otto Tolonen

Liebe Frau Larsen-Maguire, Sie arbeiten bereits zum zweiten Mal als Gastdirigentin mit dem MHL-Sinfonieorchester zusammen, diesmal anlässlich des Brahms-Festivals unter dem Motto »Freiheit!«. Was bedeutet Freiheit für Sie?

  • CLM — Freiheit ist für mich die Möglichkeit, ich selbst zu sein. Mir ist es jeden Tag bewusst, was für ein Glück ich habe, in einem Land zu leben und einen Job zu haben, wo dies möglich ist.

Wieviel Freiheit kann es bei der Probenarbeit zwischen einem Orchester mit seinen vielen Mitgliedern und der musikalischen Leitung mit klaren Ansagen geben? Oder anders gefragt: Empfinden Sie die Arbeit mit dem Orchester als kollektive Form von Freiheit oder entsteht Freiheit gerade in klaren Strukturen?

  • CLM — Die Arbeit in einer Probe ist ein sehr gutes Beispiel für »keine Freiheit ohne Struktur«, meine persönliche Philosophie. Wir fangen mit dem Notenbild an und müssen dieses erst beherrschen, um anschließend die musikalische Freiheit zu finden. Ich will die Wünsche des Komponiste bzw. der Komponistin voll und ganz respektieren, aber vieles steht nicht in der Partitur: Klangfarben, Phrasierung, genaue Unterschiede in der Artikulation, wo und wieviel Vibrato benutzt werden soll usw. Bei diesen Aspekten haben wir die Freiheit, selbst zu entscheiden. Dadurch entsteht eine Interpretation. Daneben gibt es eine weitere strukturelle Ebene: die »Hierarchie«, die es in jeder größeren Gruppe von Menschen geben muss. Als Dirigentin muss ich viele Entscheidungen treffen und ein klares Konzept vom Stück haben. Ich bin aber auch immer froh, wenn die Orchestermusiker:innen eigene Ideen einbringen. Wenn zum Beispiel ein Musiker oder eine Musikerin ein Solo hat, gebe ich ihm oder ihr sehr gerne die Freiheit, die Passage selbst zu gestalten. Und wenn einer der Musiker:innen einen Vorschlag hat, finde ich es immer spannend.

Wie spiegelt sich das Festivalmotto im Programm des Sinfoniekonzerts wider, angefangen mit Beethovens »Leonoren-Ouvertüre Nr. 3«?

  • CLM — In Beethovens Oper Leonore/Fidelio ist Freiheit das absolute Hauptthema. Bei der Uraufführung hat die Komponistin alle Freiheiten, etwas komplett Neues zu erschaffen. Beim Solokonzert steht der Solist im Vordergrund, um sich frei entfalten und seine Interpretation des Stückes präsentieren zu können. Und in der 3. Sinfonie von Johannes Brahms finden wir das Motto des Komponisten, »frei aber einsam – frei aber
    froh«, musikalisch dargestellt. 

Mit »Ziehen« steht auch eine Uraufführung der MHL-Studentin Sarah Proske auf dem Programm. Wie erarbeiten Sie sich eine neue Partitur? Gibt es bei einer Uraufführung einen Unterschied, da hier noch alle Freiheiten möglich sind? 

  • CLM — Neue Partituren sind immer spannend! Man weiß nie, was vor einem liegen wird. Ich erarbeite mir eine neue Partitur genauso wie ich mir alle anderen Partituren erarbeite: Ich schaue mir Struktur, Instrumentation und Hintergründe an und versuche, die Ideen und Wünsche der Komponist:innen zu verwirklichen. In diesem Fall ist es besonders spannend, weil die Komponistin vor Ort sein wird, und natürlich die Freiheit hat, kleinere Details zu verändern, wenn irgendwas nicht optimal funktioniert.

Joaquín Rodrigos »Concierto de Aranjuez« zählt zu den bekanntesten klassischen Werken des 20. Jahrhunderts. Das Konzert für Gitarre und Orchester hat starke biografische und lokale Bezüge. Lieber Otto Tolonen, liebe Cathrine Larsen-Maguire: Welche Aspekte des Werkes beeindrucken Sie? Welche Bilder oderAssoziationen steigen in Ihnen auf? Worauf kann sich das Publikum beim Hören des Werkes freuen?

  • OT — Rodrigos Concierto de Aranjuez war für mich ein Schlüsselwerk, weshalb ich als Teenager begann, ernsthaft Gitarre zu spielen. Das Konzert wurde gegen Ende des Spanischen Bürgerkriegs komponiert, und es scheint so, dass der Komponist den historischen Kontext einbeziehen wollte. Die Leichtigkeit und rhythmische Lebendigkeit erinnern an ein »unbeschwertes« Spanien zurückliegender Jahrhunderte; vielleicht wollte sich Rodrigo auf diese Weise von den chaotischen Umständen der späten 1930er Jahre distanzieren. Besonders ist der zweite Satz zu erwähnen: Das Englischhorn-Solo erinnert mich zum einen an Sibelius’ Der Schwan von Tuonela und zum anderen an den dritten Akt von Wagners Tristan und Isolde. Von diesem herrlichen Instrument geht ein besonderer Klang aus, der den Satz auf eindrucksvolle Weise prägt.
  • CLM — Otto hat alles wunderbar beschrieben… Ich kann nur ergänzen, dass das Publikum sich auf die
    Virtuosität und Musikalität des Solisten freuen kann!

Welche technischen Herausforderungen stellt das »Concierto« an Sie als Solisten – insbesondere im Zusammenspiel mit dem Orchester?

  • OT — Wie immer beim Musizieren mit einem Orchester muss eine gute Balance zwischen dem Solopart und dem Orchester gefunden werden. Für die Gitarre besteht die besondere Herausforderung darin, dass sie gut zu hören ist.

Fühlen Sie sich bei einem so berühmten Werk eher durch Traditionen gebunden oder eröffnet gerade diese Bekanntheit Ihnen einen besonderen Freiraum für Ihre eigene Interpretation?

  • OT — In der Regel versuche ich in meiner Interpretation, meinen Ansatz so einfach wie möglich zu halten. Mein Ziel ist es, das Werk so zu spielen wie jedes andere Stück auch: mit Eleganz und Klarheit. Da die Gitarre direkt mit den Fingerspitzen und den Nägeln gespielt wird, erzeugt jede:r Gitarrist:in einen leicht unterschiedlichen Ton, geprägt von der physischen Beschaffenheit der Hand und der Art, wie sie auf die Saite trifft. Aus diesem Grund beginnt Interpretation auf der Gitarre oft beim Klang selbst. Anstatt der Musik zu viele äußere Ideen aufzuzwingen, versuche ich mich auf die Qualität und die Richtung des Tons zu konzentrieren und die Phrasierung daraus entstehen zu lassen. Auf diese Weise kann die Individualität des Instruments innerhalb der Struktur des Werkes ganz natürlich hervortreten.

Wie werden Freiheitsräume zwischen Ihnen beiden austariert? Wie sieht der Dialog zwischen der Dirigentin und dem Solisten aus?

  • CLM — Bei jedem Solokonzert, das ich dirigiere, möchte ich dem Solisten das Gefühl geben, alle Freiheiten der Welt zu haben. Auch wenn ich vielleicht nicht alles so musizieren würde, wie der Solist es tut, begleite ich gerne. Dabei lerne ich immer etwas Neues!
  • OT — Das Konzert ist so orchestriert, dass die Möglichkeiten der Dynamik bei der Gitarre stets mitgedacht werden. Alle drei Sätze beginnen mit einem Gitarrensolo. Dadurch sind die Ohren des Publikums von Anfang an auf einen intimen Klang eingestimmt. Es folgt ein intensiver Dialog zwischen dem Solisten und dem Orchester, der zum einen Raum für eine große Klangentfaltung eröffnet und zum anderen viele feine Nuancen für die Sologitarre bietet.

Wo erleben Sie als Künstlerin bzw. Künstler die eigene Freiheit: im Konzert, im Probenraum oder eher zu Hause beim Erarbeiten der Partitur bzw. beim Üben?

  • OT — Es ist ein wunderbares Privileg, die Freiheit zu haben, Musik beruflich auszuüben. Und darin liegt auch die Freiheit, selbst zu entscheiden, welche Musik man aufführen möchte. Etwas, das man niemals als selbstverständlich ansehen sollte. Als Gitarrist gefällt mir außerdem, dass die Gitarre ein »junges« Instrument ist. Sie ist sehr beliebt, besitzt aber noch nicht die lange, etablierte Tradition mancher anderer Instrumente. Auch wenn es berühmte, tradierte Werke wie das Concierto von Aranjuez gibt, existiert darüber hinaus kein festgelegter Kanon, den wir unbedingt
    spielen müssten. Für mich bedeutet das, dass wir die Freiheit haben, eine Tradition selbst zu gestalten – hier und jetzt, in unserer eigenen Zeit.
  • CLM — Theoretisch überall dort, wo ich an der Musik arbeite. Aber im Konzert, wenn die Probenarbeit vorbei ist und man das Werk in einem Guss dem Publikum präsentieren kann, entstehen manchmal Gefühle von einer nahezu euphorischen Freiheit. 

Nach der Pause erklingt die Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90 von Johannes Brahms. Er selbst bezeichnete sie als »[…] nicht leicht für Orchester – sonst in jeder Hinsicht!«. Das Werk wurde bei der Uraufführung überschwänglich gefeiert, doch auch kritische Stimmen kamen auf (s. Brahms-Festival-Magazin S. 20). Wie stehen Sie zu dem Werk?

  • CLM — Inzwischen ist es unbestritten, dass diese Sinfonie ein Meisterwerk ist. Ich habe das Stück bis jetzt tatsächlich nur einmal dirigiert, und ich freue mich sehr darauf, bei der Arbeit mit den Studierenden neue Erkenntnisse zu gewinnen. Wie Brahms selbst sagte, es ist nicht leicht, aber dadurch ist es umso erfüllender, unseren Weg durch die Sinfonie zu finden. 

Kaum ein anderes Werk von Brahms hat mehr zu poetischen Bildern und Assoziationen Anlass gegeben wie Brahms 3. Sinfonie. Welche Assoziationen hatten Sie beim ersten Hören? 

  • CLM — Jeder Satz weckt unterschiedliche Assoziationen in mir. Wenn ich mich recht erinnere, war ich von der Kraft und der mächtigen Architektur des ersten Satzes beeindruckt, verzaubert von den idyllischen pastoralen Momenten des zweiten Satzes, tief berührt vom Cellothema im dritten Satz und nahezu erschlagen vom dramatischen Aufbau und der emotionalen Dichte des vierten Satzes.

Wo in der 3. Sinfonie kommt man dem Motto »Freiheit« am nächsten?

  • CLM — Die Töne F – A – F (»frei aber froh« – Brahms’ »Lebensmotto«) spielen in der Sinfonie eine zentrale Bedeutung. Sie erscheinen in der ganzen Sinfonie in Variationen und Transpositionen. Am Anfang und am Ende ist dieses Motiv sehr klar zu hören: zuerst stürmisch und dramatisch, und am Ende, nach einer ganzen Reise durch die Sinfonie, leise und ruhig; Brahms hatte wohl seine persönliche Freiheit gefunden.

 

CATHARINE LARSEN-MAGUIRE

geboren in Manchester (England) / studierte Musikwissenschaft an der Universität von Cambridge, Fagott und Dirigieren an der Royal Academy of Music in London und der Karajan-Akademie Berlin / zehnjährige Tätigkeit als Solo-Fagottistin im Orchester der Komischen Oper Berlin / arbeitet seit 2012 als Dirigentin mit führenden Ensembles und Orchestern zusammen, u.a. mit Birmingham Contemporary Music Group, Royal Liverpool Philharmonic 10:10 Ensemble, Klangforum Wien, Ensemble Musikfabrik, Ensemble Ascolta und Ensemble Modern sowie mit London Philharmonic Orchestra, Royal Northern Sinfonia, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Orchestre de Chambre de Paris und Hong Kong Sinfonietta / leitete Neuproduktion von Don Giovanni am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin / 2023 – 2025 Musikdirektorin der National Youth Orchestras of Scotland / seit Januar 2026 Musikdirektorin des Faroese Symphony Orchestra / dirigiert zahlreiche Uraufführungen, zuletzt The Master Said von Alexander Goehr mit dem BBC National Orchestra of Wales / gibt Meisterkurse in Deutschland, Großbritannien, Mexiko, Brasilien, Israel und Spanien / ist Jury-Mitglied bei internationalen Dirigier-Wettbewerben / war Gastprofessorin für Dirigieren an der Universität der Künste Berlin / arbeitet mit zahlreichen Jugendorchestern zusammen, darunter mit Young Israel Philharmonic, Orchestra of the Colburn Conservatory in Los Angeles, Underground Youth Orchestra Athen, Eduardo Mata Jugendorchester Mexiko-City und dem MHL-Sinfonieorchester

 

OTTO TOLONEN

zählt zu den vielseitigsten klassischen Gitarristen seiner Generation / studierte an der Sibelius-Akademie bei Jukka Savijoki und Timo Korhonen, Studien bei Raphaella Smits in Belgien, Thomas Müller-Pering und Jürgen Ruck in Deutschland sowie bei Oscar Ghiglia in Italien runden seine musikalische Ausbildung ab / als Solist, Kammermusiker und Dozent in ganz Europa, Amerika und Japan tätig / seit 2018 unterrichtet er als Professor in Oslo und seit 2019 auch an der MHL / beherrscht eine breite Palette von Musikstilen / ist Preisträger von 20 internationalen Wettbewerben / sein letztes Portraitalbum Retratos (2018) wurde in der größten finnischen Tageszeitung Helsingin Sanomat als »legendär« beschrieben / widmet sich auch aktuellen Forschungsansätzen zu europäischer Gitarrenmusik und Musikstilen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Brahms-Fes­ti­val 2026 — »Frei­heit!«